Ins Trauzimmer durften fünf Menschen: das Brautpaar, die beiden Trauzeugen und der Bürgermeister.

Ich stand draußen auf dem Rathausplatz. Auch da hätten wir eigentlich nicht stehen dürfen.

Ich sage gleich dazu, warum mich dieser Tag mehr als beruflich angeht: Die Braut ist meine Tochter. Nina hat am 17. April 2020 Ludi geheiratet, im Rathaus von Waal im Allgäu, und ich war an diesem Tag beides — Vater und der Mann mit der Kamera.

Kein Bild von der Trauung

Von der Trauung selbst habe ich keine einzige Aufnahme. Kein Ja-Wort, kein Ringtausch, keine Unterschrift.

Was ich stattdessen habe, ist ein Bild, das ich inzwischen für das ehrlichere halte: die beiden im Fenster des Rathauses, von unten aus dem Hof fotografiert, daneben eine Madonna in der Mauernische. Jemand drinnen, jemand draußen, ein Fenster dazwischen.

Vor der Tür standen die anderen. Nicht alle zusammen, das ging nicht. Jede Gruppe einzeln vor dasselbe große Holztor, ein Bild, dann die nächste. Wer da war, war streng genommen schon zu viel.

Geheiratet wurde in Tracht. Kein Schleier, keine Schleppe, kein Saal. Es hätte auch nicht gepasst.

Was übrig bleibt, wenn alles wegfällt

Auf einer normalen Hochzeit fotografiere ich hundert Gäste. Die Tante, die weint. Den Trauzeugen, der seine Rede sucht. Das Kind unter dem Tisch. Es ist voll, es ist laut, und es ist großartig — aber es lenkt auch ab.

In Waal war nichts, was hätte ablenken können. Und plötzlich sieht man alles: den Blick vor der Tür, die Hand, die kurz zittert, das Ausatmen danach.

Wer heute mit kleiner Runde heiratet — weil das Geld woanders hin soll, weil niemand Lust auf Sitzordnung hat, weil man es einfach so will —, bekommt keine abgespeckte Hochzeit. Man bekommt eine andere. Und fotografisch oft die bessere.

Der Dießener Weiher

Danach sind wir zum Dießener Weiher, ein paar Minuten von Waal entfernt. Eine kleine Badestelle, ein Holzsteg, eine Hütte am Ufer. Sonst nichts.

Keine Location mit Website und Preisliste. Es hat trotzdem getragen, aus dem Grund, den ich immer wieder erlebe: Ein Ort muss nicht spektakulär sein, er muss ruhig sein. Ein Steg, der ins Wasser läuft, gibt einem Paar etwas, worauf es zugehen kann. Mehr braucht ein Bild selten.

Es war April, die Bäume noch kahl, das Wasser spiegelglatt. Von Blitzanlagen war ohnehin keine Rede — ich arbeite mit dem Licht, das da ist.

Ein Jahr später

Auch Jana hat im Lockdown geheiratet. Wieder ein Standesamt, in das ich nicht mitdurfte. Diesmal war Nina die Trauzeugin — und hat drinnen die Bilder gemacht, nach einer Liste, die ich ihr vorher aufgeschrieben hatte.

Es hat funktioniert. Aber es hat mir auch gezeigt, was eine Liste nicht kann: Sie sieht nicht, wann jemand kurz die Fassung verliert.

Wenn ihr im Allgäu heiratet

Ich fotografiere ohne festes Studio, im Wohnmobil, quer durch Deutschland. Das Allgäu ist eine der Regionen, in die ich immer wieder zurückkomme — nicht wegen der Postkartenberge, sondern wegen der Orte dazwischen: Weiher, Waldränder, alte Rathäuser, in denen sechs Leute Platz haben.

Ob zu fünft oder zu hundertfünfzig: Wo ich gerade unterwegs bin, steht in meinen Tourdaten. Und wenn der Termin nicht passt, finden wir meistens trotzdem eine Lösung.